Personal

Extrovertiert & introvertiert zugleich – ein Leben als Paradoxon

von am 12/07/2017

„I’m almost never serious, and I’m always too serious. Too deep, too shallow. Too sensitive, too cold hearted. I’m like a collection of paradoxes.“ – Ferdinand de Saussure

Eine Instagram Caption von Nadia Meli brachte mich letztendlich dazu, diesen Blogpost zu schreiben. Nadia sprach davon, ein „Extroverted Introvert“ zu sein – ein Begriff, der mir die Augen geöffnet hat. Nicht zuletzt, weil er bei mir einfach perfekt passt und mir gezeigt hat, dass ich mit diesem Gefühl oder diesem Charakterzug scheinbar nicht so alleine bin, wie es mir manchmal doch vorkomme.

Meistens definiert man sich ja entweder als extrovertiert oder introvertiert – entweder man liebt die Aufmerksamkeit und das Beisein anderer oder man genießt lieber die Ruhe des Alleinseins. Ich sehe mich selbst als eine Mischung aus beidem: Ich kann gut mit Menschen reden, egal ob Freund oder fremd, habe mit Smalltalk absolut kein Problem und komme mit jedem klar – bis zu einem bestimmten Punkt. Irgendwann ist all meine Energie erschöpft, ich werde immer stiller und nur die kleinste unangenehme Situation bringt mich dazu, eine Art Wand um mich zu bauen.

Meine introvertierte Extraversion (auf Englisch klingt alles so viel besser…) beginnt bei ganz alltäglichen Situationen.
Ich arbeite hauptberuflich als PR Managerin. Stehe morgens auf, gehe ins Office und rede dort gefühlt von 9 – 18 Uhr durch. Die Tatsache, dass wir 5 Mädels sind und es in der PR quasi unser Job ist, kommunikativ zu sein, ist für mich absolut okay.

Wenn ich abends dann aber nach Hause komme, genieße ich die Ruhe. Viele meiner Freunde sind fast jeden Abend unterwegs und auch durch Instagram & Co. könnte man meinen, dass man sein Dinner nur noch in großer Runde und ausschließlich in Restaurants zu sich nehmen darf. Daran ist natürlich auch nichts verwerflich. Auch ich genieße es, mit Freunden Zeit zu verbringen und die kulinarische Vielfalt Berlins zu erkunden. Meistens bevorzuge ich es aber doch, an Wochentagen abends zuhause zu sein und meine Batterien aufzuladen.

Seit ein paar Wochen beschäftige ich mich nun mit diesem Thema und einer Art Selbstfindung. Ich entdecke immer mehr Artikel darüber, dass es anderen Menschen genauso geht – nicht zuletzt dieser Bericht bei Edition F hat zu großen Diskussionen geführt. Es ist gut zu wissen, mit diesem Gefühl nicht alleine zu sein – vor allem, da es viele Menschen sicher komisch finden und nicht verstehen, warum ich oder wir nicht öfter aus dem Haus gehen. Früher habe ich mich durch solche Aussagen oft beeinflussen lassen oder habe mich aus FOMO selbst gezwungen, doch noch mitzugehen und mich dann am nächsten Tag miserabel gefühlt.
Ich brauche die Zeit mit mir alleine einfach, um meine Batterien aufzuladen. Mittlerweile weiß ich, dass meine Meinung und meine Selbsteinschätzung da wichtiger sind als die anderer.

Es ist auch nicht so, dass ich eine Art Grundeinstellung habe und immer gleich ticke – ich bin nur ein Mensch. Manchmal gibt es Wochen, an denen ich von Montag bis Freitag abends allein sein möchte und dann auch am Wochenende merke – hey, eigentlich habe ich gar keine Lust, groß rauszugehen. Dann gibt es wieder Phasen, in denen ich jeden Tag unterwegs bin und auch am Wochenende von Café zu Dinner zu Party hoppe.

Ein weiterer Punkt auf der Checkliste wäre wohl, dass ich mich oft dabei erwische, am Wochenstart Pläne fürs Wochenende zu machen und je näher der Tag dann kommt, desto mehr schwindet meine Freude – egal, wie toll das Event ist. Ich weiß auch genau, dass ich dort Spaß haben werde, aber trotzdem siegt die Introversion manchmal. Meistens nicht, da ich meine Freunde natürlich auch nicht enttäuschen möchte.

Gerne allein zu sein bedeutet aber auch nicht, dass ich mich nicht manchmal einsam fühle – gerade in einer Großstadt wie Berlin kommt man sich schnell verloren vor. Dennoch ist die Zeit, die ich alleine verbringe das, was mir am Ende die meiste Energie bringt und mich am Laufen hält.

Ich möchte mir mit diesem Artikel nicht die perfekte Ausrede schaffen, zukünftig jedes Event abzusagen, ohne dass meine Freunde, Familie oder auch Kunden sauer sind. Ich möchte damit erst Recht nicht bezwecken, überhaupt nicht mehr eingeladen zu werden. Viel mehr möchte ich diese Seite von mir zeigen, weil ich weiß, dass es anderen genauso geht. Weil es völlig okay ist, nicht rund um die Uhr eine „People Person“ sein zu können. Und vor allem möchte ich Verständnis dafür schaffen, dass Introversion weder etwas mit „Social Anxiety“ noch Lustlosigkeit zu tun hat. Seine Energie im Alleinsein zu finden und bewusst Zeit für sich selbst einzuplanen ist für mich ein großes Gut.

Wie sieht es bei euch aus?
Seid ihr extrovertiert, introvertiert oder eine Mischung aus beidem?

xoxo
Eva

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